Naturschutz im Wanderkurier 1-2026:
Der heimische Feldhamster, eine bedrohte Spezies, Lyrik & Fakten
Grukas »Kinder«





29252Asgijahr – 1976
»Die Legende vom fränkischen Zauberwald — Teil II«

Hallo! Ich bin Appelino, ein Igel aus dem Zauberwald. Als die Kinder des FWV uns besuchten und mit dem Fuchs sprachen – die Zeit ruhte sich aus, wie sie –, lag ich verborgen im Gebüsch. Aufregend! Die Zauberwaldgeschichten im Kopf der Kinder miterlebt zu sehen. Ihr Minenspiel? Ihre Begeisterung für den schlauen Fuchs. Sie durften es fühlen, authentisch. Oha, die sind süß. Ich möchte sie besser kennenlernen. Unsere Welt wird immer kleiner, schrumpft zusammen, wird enger, und wir müssen uns den Menschenkindern annähern, sonst sind wir verloren. Sie in ein verzaubertes Abenteuer zu führen und ihren Tag mit bunten Geschichten anzufüllen, ist der Weg des Fuchses. Ich wollte meinen eigenen Zugang finden, wenn sie am Heimweg sind, und reflektieren, was sie gehört haben. Was würden sie denken? Wie mit unserer Welt fortan umgehen? Es dürfte gewiss schon dämmern, und sie würden mich so rasch nicht bemerken. Kleinere Igel können im Zweifelsfall auch recht schnell laufen. Halt nur eine begrenzte Strecke. Aber die dürfte wohl ohnehin zu einem Parkplatz führen. Und vielleicht möchte ich nur genauer wissen, wo der liegt? Im Wald oder ganz in unserem Sinne, auf einem Wanderparkplatz. Ja, wir kleinen Wesen erkennen es, wenn der Mensch für uns Brücken baut. Wir lieben den Bund Naturschutz und seine Wanderungen, Radtouren und Vorträge auf Waldfesten. Sie haben viele kluge Ideen und versuchen, die Stadtbevölkerung für unsere ländlichen Bedürfnisse zu öffnen. Erklären ihnen, wie wir aussehen, woran man uns erkennen kann. Jede einzelne Spezies, der in den Wäldern und auf den wilden Wiesen lebenden Wesen. Über diese Vorträge habe ich das erste Mal wahre Worte über meine Freunde, die Feldhamster, gehört. Denn im Wald traut sich keiner, so etwas Schreckliches laut auszusprechen. Jeder weiß genau: Als Nächstes steht seine Familie auf der Liste der bedrohten Arten und schon bald wird sie auf einer ganz anderen Liste eingetragen. Und wir alle können nur stumm dabei zusehen und im Stillen weinen. Zurück zum Hamster, ich wisch’ nur eben rasch meine Tränen wieder weg. Der Mensch kennt ihn auch als Haustier, und deshalb weiß jetzt auch ich, dass sie für ihre Gesundheit tierisches Eiweiß benötigen. Wie wir Igel. Insekten, Würmer, Maden sind ein Muss, so wichtig wie freier Zugang zu frischem Trinkwasser und Gemüseresten. Unsere Leidenschaft sind Körner und Nüsse – Buchecker, mjam! Tja, ich sehe Mamas strengen Blick: Zahnpflege! Der nette Mann empfiehlt Weidenzweige, wie sie. Er weiß auch um die Leidenschaft der Hamster, Vorräte anzulegen. „Sie horten“, nennt er es. Das ist weitverbreitet in Wald und Flur, denn wir finden nicht immer ausreichend Nahrung vor. Wie Hamster transportieren? Na, in Backentaschen! „Die sind genauso praktisch wie Hosentaschen“, sagt der Mann. Da muss ich lachen. Und wie sie horten können – „viermal so viel, wie sie brauchen“, sagt er. Und der Mann betont, dass der Hamster nachtaktiv sei und tagsüber meistens schlafe. Autsch! Das kann ich bestätigen. Er spricht von einem Laufrad, das man seinem Hamster unbedingt spenden solle. Davon weiß ich nichts, aber ja, die rennen wie die Wilden umeinander, und ich, meinem besten Freund immerzu hinterher. Deshalb bin ich wohl noch heute so fit?
Der Mann spricht von 20 verschiedenen Hamsterarten. Die größten Familien gäbe es bei den Feldhamstern und den Zwerghamstern, die nur halb so groß werden. „Feldhamster werden bis zu 20cm groß“, sagt er. Und dass Hamster meist nur mit einem Auge zwinkern können. Echt? Wo die „Augen nur stecknadelgroß sind“, aus seiner Sicht, wie erkennt er das? Kann ich mit beiden Augen gleichzeitig zwinkern? Tja. Ach ja, ein Neugeborenes wiegt 2g bei 1cm Länge. Ja, Babys sind winzig. Der Feldhamster heißt auch Cricetus cricetus und ist laut Roter Liste rote-liste-zentrum.de »eine der am stärksten bedrohten Säugetierarten Deutschlands«; in einigen Bundesländern ist er bereits ausgestorben. Eine Hauptursache für seine Gefährdung ist die Intensivierung der Landwirtschaft. Ich zitiere: »Der Feldhamster lebt hierzulande fast ausschließlich im Tief- und Hügelland. Er bevorzugt gut grabbare Lösslehmböden – diese sind besonders gut für die Errichtung seines Baus geeignet. Solche Böden zählen zu den fruchtbarsten Standorten für den Getreideanbau. Sie boten dem Feldhamster über Jahrhunderte hinweg reichlich Nahrung und Deckung. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er als „Kornratte“ verfolgt, seit den 1960ern setzte ihm die immer effizientere Bewirtschaftung der Felder zu, und seine Lebensbedingungen verschlechterten sich rapide: Es blieben keine Erntereste übrig und die Tiere fanden keine Deckung mehr. Die Bestände gehen deshalb seit Jahren stark zurück. Ohne Schutz- und Hilfsmaßnahmen steht zu befürchten, dass der Feldhamster in absehbarer Zeit in Deutschland aussterben wird. Damit würde ein früheres Charaktertier der Bördenlandschaften für immer verloren gehen.« Ein anderer Herr hatte von 30cm gesprochen und 200g. Mein Freund wog eher 500g? Egal, sie sterben bis 2030 aus. Es ist nicht mehr lange bis dorthin. Ist hier Unterfranken? Der Herr sagte, »in Unterfranken fühlt sich der Feldhamster heimisch«. Er war von der Presse sueddeutsche.de/bayern/bayern-artenschutz-hamster-aussterben-1.5455714. Das war nicht so lustig wie die Beschreibung des Feldhamsters mit anzuhören, bund-naturschutz.de/tiere-in-bayern/feldhamster: »Eine rot-braune Kopfoberseite, große Augen« – der andere nannte sie stecknadelgroß –, »gelblich-weiße Flecken hinter den Wangen und kurze Beine, schwarzer Bauch, kurzer, spärlich behaarter Schwanz.« Ein nochmals anderer Herr, ein Dr. Volker Pesch, halali-magazin.de/hoffnung-fuer-den-hamster erzählt: „Noch vor wenigen Jahrzehnten galt der Feldhamster in Europa als Schädling. Mit allen Mitteln wurde ihm nachgestellt, seine Bälge waren begehrte Rauchwaren, und mancherorts wurden staatliche Fangprämien gezahlt. Hamsterjagd konnte lukrativ sein. Heute ist der kleine Nager vom Aussterben bedroht. Aber es gibt auch effiziente Schutzmaßnahmen.“ Er sagt: „Der Feldhamster gehört zu den Mäuseverwandten (Myomorpha) innerhalb der Ordnung der Nagetiere (Rodentia) und darin zur Familie der Wühler (Cricetidae), Unterfamilie Hamster (Cricetinae).“ Der Feldhamster lebt als einzige Hamsterart in Europa und wird deshalb Europäischer Hamster genannt – sagt Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Feldhamster.

Zurück zu meinem Erlebnis: Menschen sind so schlau! Deshalb schlich ich den inspirierten Wanderfreunden im Zauberwald an diesem Tag hinterher. Sie waren mächtig aufmerksam. Ich musste gut aufpassen, ja kein Geräusch machen. Gar rascheln oder Steinchen oder Ästchen verrutschen lassen. Nee. Einige Male musste ich ein kurzes Stückchen zurückrennen, denn ich hatte meinen geliebten Apfel fallen gelassen. Am Ende hob ihn einer der Buben auf – war es Pepe oder Max? Ich weiß nicht, war viel zu aufgeregt. Sie wollten ihn essen, dann spielten sie aber nur damit, warfen ihn einander zu, und ich bekam furchtbar Angst, er würde ganz matschig werden. Und das merkten sie – als wäre mein Gedanke, meine Angst in ihre Köpfe übertragen worden? War es mein Freund, der Fuchs, der nicht ertragen kann, wenn seine Brüder und Schwestern im Wald traurig sind? Oh, ich war so dankbar, denn sie polierten ihn kurz mit ihrem Shirt und legten ihn behutsam, gleich einem Schatz, geschützt ins Gebüsch zurück. Sie hatten tatsächlich begriffen, dass es jemanden im Umfeld gibt, dem dieser Apfel viel bedeutet. Und sie schenkten ihn mir zurück! Ich war so dankbar und überglücklich und wollte schon übermütig losrennen, da spürte ich ein nochmals schüchterneres Wesen, als ich es bin, direkt dort im Gebüsch sitzen. Genau da, wo die Buben meinen Apfel abgelegt hatten. Würde ich jetzt übermütig hinlaufen, was würde der schüchterne Kerl dann vor Angst tun? Nein, falls die Jungs ihn sehen sollen, sollte das von ihm ausgehen und nicht von mir. Also ja, ich verzichtete darauf, mich vorzustellen und Dankeschön zu sagen. Sie erwarteten es auch gar nicht. Zogen lächelnd weiter und einer drehte sich mehrfach kurz zu mir um, grinste, und der andere streute Haselnüsse auf den Weg. Oha, vielleicht freut sich darüber mein schüchterner Freund? Aber zeitgleich hatte ich Sorgen, dass er Anspruch auf meinen Apfel erheben könnte.

Ahnt ihr, wer da so zittrig neben meinem heißgeliebten Apfel im Gebüsch saß? Ich glaubte es kaum. Früher traf ich so viele Familien der ortsansässigen Feldhamster an. Ich musste nur ein paar Ecken weiterlaufen. Deshalb die lange Vorgeschichte. Da war einer darunter, ein verschmitzter kleiner Kerl, und lange nicht schüchtern zu nennen, eher doch oberfrech. Toni nannte ich ihn, und ja, er war mein allerbester Freund. Wir waren unzertrennlich. Immerzu auf Abenteuergang. Ich heule oft, wenn ich daran denke, wie dieses blaue Fahrrad ihn erwischte. Es kam so rasch den Weg entlanggerast, dass er einfach nicht rechtzeitig genug ausweichen konnte, nur nach dorthin, wo ich schon war, aber er wollte mich nicht gefährden. Mich vor allem Leid beschützen und riskierte sein eigenes Leben für meines. Ich, sein Freund, überlebte diesen Tag und alle Räder – rote, blaue, weiße, graue. Mountainbiker, nette Menschen, ganz gewiss, aber sie haben kein Auge für uns kleine Wesen, die sie manches Mal einfach totfahren und es nicht einmal spüren. Wie an Tonis Todestag. Er wurde vom ersten Vorderrad mitten auf den Weg geschleudert, aber er lebte noch, und ich schluchzte auf und dachte: Gütiger Himmel, wie gnädig du bist! Denn er grinste aufmunternd zu mir rüber, und dann versuchte er, zu mir rüberzuhuschen, aber sein Fuß war verletzt und blutete furchtbar und er humpelte schrecklich und schaffte es nicht, vor den anderen Rädern zu entkommen. Sie überfuhren ihn noch dreimal. Zerrissen ihn in Stücke und merkten es nicht einmal. Weil kleine Hamster eben winzig sind und sich am schmalen Trampelpfad fast unbemerkt bewegen. Ein Fahrrad mit solch dicken Rädern, diesem tiefen Profil, das wirkt wie eine Walze. Seitdem traue ich mich kaum, einen Weg zu überqueren. Immerzu habe ich Angst, es würden Fahrräder von einem Berghang auf mich zurasen. Unterdessen gibt es einen separaten Fahrradweg. Auf anderen Fußwegen sind wir jetzt weniger gefährdet. Aber dennoch sind alle ehemaligen Großfamilien des Waldes winzig geworden und Feldhamster? Ich musste überglücklich weinen, als ich das Mädchen meinen Apfel bewachen sah. Die hätte Toni fürwahr gemocht. Ich hab’ ihr von ihm erzählt, wie wir Essen suchten und großzügig aufteilten. Darüber hat sie gelächelt und mir ihren Namen verraten: Beryll – so zauberhaft wie ihre zarte Stimme.

Ich will eben unseren Apfel teilen, als sie flüstert: „Könntest du ein Stückchen meinen Bruder Fridolin abgeben? Er liebt Äpfel von ganzem Herzen, ist aber nochmals ängstlicher, dabei ist er der Größere. Er sah mit an, wie ein Geländewagen unsere Welt zusammenfuhr. Es hatte geregnet, der Boden war weich, sodass der schwere Wagen alle Gänge unseres Baus zerdrückte. Wo wir nicht bei den Feldern gebaut hatten? An dem Tag starben auch viele Hasen, die in ihren Bauten Wurzeln nochmals geschickter integrieren. Ein Menschenfuß, der uns nichts antun würde, wird oft von Fahrzeugen gebracht, und die zerquetschen alles Leben, das sie berühren. Dabei gibt es Wanderparkplätze. Warum parken sie nicht dort?“ Beryll hat recht. Wegen zweihundert Metern starb meine Familie. Damals gab es noch Unmengen Igel, Marder, Hamster und Mäuse, Maulwürfe wie Biber und sogar ein paar Stinktiere. Die mochte ich gerne. Sie waren frech und fidel wie mein Freund Toni. Katzen aus den umliegenden Dörfern waren damals unsere allergrößte Sorge neben dem Fuchs, den Greifvögeln am Tage und den Eulen in der Nacht. Aber selbst sie sind allesamt selten geworden. Und der einzige Fuchs, den ich je näher kennenlernen durfte, ist heute einer meiner besten Freunde. Und seine Eulenfreunde schlossen sich mit an. Keiner würde uns etwas tun. Auch meinem Hamsterfreund Toni nicht, wäre er noch am Leben. Unsere Welt verändert sich. Jeden Tag ein wenig mehr. Sie wird außerhalb der Feldwirtschaft immerzu kleiner und enger, und dann wird auch dieses Kleinod, das soeben noch als schützenswert galt, von widerlichen Gerüchen überzogen und viele werden schrecklich krank und verenden jämmerlich. Und schon kommen die Holzfäller mit ihren kreischend lauten Kettensägen und dann die monsterschweren Bagger.

Die Haselnüsse, die Pepe und Max zurückließen – so nett, eine kleine Spur damit legten. Die aßen wir überglücklich zu dritt. Es gibt sie, die Guten. Den Naturschutz. Ich weiß es: Ihr helft uns, dass der Feldhamster niemals in Franken aussterben muss. Dass sich seine Art wieder erholen und mehren kann. Wenigstens doch hier bei uns, wo so gute Buben durch die Wälder streichen und dieselben Tiere kennenlernen wie ich. Nichts ist umsonst, heißt es immer. Fridolin hat furchtbar Angst. Und doch erinnert er mich wunderbar an meinen Freund Toni. Am Ende habe ich tatsächlich Tränen vor Lachen in den Augen und Bauchschmerzen noch dazu. Eine wahrlich einmalige, nussverwöhnte Nacht, mit schönen Erinnerungen, unter guten Freunden zugebracht.








