Eine vertraute und doch fremde Zeit.

Aldebaran erzählt: „»Aber klar, kann ich in der Abendsonne tanzen!« Und schwupps ist Fauvel mitten im Satz aufgesprungen und tänzelt vor uns allen auf beiden Hinterhaxen stehend herum. Und dreht beschwingt Pirouetten, wie es scheint. Elegant soll es aussehen, natürlich. Jedenfalls wirkt es so für diejenigen unter uns, denen er mit diesen Worten ein leutseliges Lächeln abgewinnen konnte. Seine Zuversicht ist wie das Strahlen der Sonne, wenn sie nach einem Gewittersturm durch die dunkle Wolkenwand bricht. Schon dafür, dass er die Zuversicht gepachtet hat, und weil seine herzliche Art so wundervoll mit den Unsäglichkeiten des Lebens umzugehen weiß, lieben ihn alle. »Na, komm’ schon zu mir rüber. Sei mutig und unverblümt – steh einfach zu dem, wer du bist. Ich zeig’ dir, wie’s geht … ist ganz einfach, glaub’s mir.« Und ja, die meisten unter uns müssen sich an solcher Stelle kurz schnäuzen und ihre Augen trockentupfen. Aber keineswegs verstohlen, denn auf diese Tränen sind wir Gürtler immens stolz. Mitgefühl wird bei uns hochgepriesen.“ Er tut ebendies, wischt sich die Tränen weg und lächelt. „Aber flugs zurück auf Start und zu dem, wie alles begann“, spricht Aldebaran weiter.
»Die Mär vom fahlgelben Fauvel«
Und es betrug sich zu jener Zeit, als Träume noch geboren wurden, dass auf einem Eiland im warmen Süden, vis-à-vis des hohen Stiefels, eine überschäumende Küste lag, mit einem kleinen Gehöft mittendrin. Auf seiner Weide graste eine trächtige Schecke, mit prächtigen Kuhflecken an Rücken und Halse, die urplötzlich anfingen, die Strahlen der Sonne munter zu reflektieren, wie es ansonsten nur frisches Quellwasser vermag. Eine Botschaft? Etwa aus dem alten Götterhain – das hieße ja, er wäre noch aktiv? Würde gar nicht so tief entschlummert sein, wie alle befürchteten. Oha, es gab eine Zeit des großen Zitterns. Quälende Ängste und Stirnfurchen, die zu grässlichen Verunstaltungen bisher aparter Gesichtszüge führten. Angst ist niemand, der sich mit dem Leben identifiziert, vielmehr spricht sie in direkter Linie dem Tod zu. Als man sie nicht mehr wahrnehmen konnte. Jene, die sonst immerzu beizeiten in der Ferne auszumachen waren. Große, schweigende Männer und Frauen, die still mit den Gezeiten verhandelten, den Wind besänftigten und die Tiere, gleich welcher Art sie waren, streichelten, liebkosten und für ihre vortreffliche Art, mit den Gegebenheiten zurechtzukommen, lobten. Und das ganz ohne, dass auch nur ein einziger Laut bis zu den Menschen hinüberdrang. Aber alle konnten es genau sehen. Die Vögel und die Hasen und Feldmäuse und Füchse, Wölfe und Bären umringten sie, und jeder hatte etwas zur großen Debatte beizutragen. Und dann gesellte sich auch noch das Zuchtvieh der umliegenden Höfe hinzu, treue Pferde verließen den Stall und nochmals pflichtbewusstere Hofhunde schlossen sich ihnen an. Alle wollten mitreden können. Und hernach, gegen Abend, als alle Aufregung überwunden war, fand sich jedes Tier wieder genau dort ein, wo es um diese Zeit immerzu aufzufinden war … als wolle sich die Himmelspforte erneut für sie auftun? Dieses himmlische Licht, gebrochen in Kuhflecken am Halse und Rücken einer trächtigen, grasenden Schecke, bricht sich sonst nur an scharfer Kante, nicht in solchem Flausch. Aber es heißt auch, man müsse mit dem Herzen fühlen, wolle man die Sonne verstehen. Die ansonsten kastanienbraunen Beine der Stute schimmerten wie Mahagoni, und hoben sich wunderbar von diesem Wollweiß ab. Schon rasch tuschelten sie, es würde kein Pferd geboren werden, sondern vielmehr ein kleiner Prinz. Der Bauer suchte lange nach einem Rappen mit dichtem, weißem Fell, wie es bei Kaschmirziegen bisweilen vorkommt, ähnlich diesen anmutenden Kuhflecken der Stute.

Der betroffene Fürst, ein gütiger Mann, war bereits neugierig angereist. Die Leute spekulierten: Würde es ein Pferd mit Ziegenkopf oder eher eine Ziege mit Pferdebeinen werden? Und wie fein würde erst sein Fell sein? Die Damen ließen sich bereits heimlich Kleider entwerfen, die das reflektierende Wollweiß an betörender Stelle einweben würden. Atemlos würde man sie darin bestaunen. Eine große Zucht? Der Fürst plante seinerseits ganz im Stillen, seine Kutsche künftig mit diesen braven Schecken bespannen zu lassen. Jeder entwickelte ganz eigene, kühne Träume; hohe Wetten wurden abgeschlossen. Und als der große Tag nahte, versammelten sich die Dorfbewohner samt Gästen im geräumigen Stall, Speis und Trank unterm Arm geklemmt. Frisches Brot duftete neben köstlichen Eintöpfen, all dieweil sie zum Zupfen der Klampfen zu tanzen begannen. Die eingeschüchterten Tiere drängten sich im hinteren Stalltrakt, trauten sich kaum, laut zu atmen, so knisterte die geschwängerte Luft. Aber sie schlossen alsbald ihre Augen und wiegten sich ebenso berauscht zum Takt der Melodie.
Die Nachricht hatte sich weitverbreitet, und plötzlich betrat der König höchstselbst ihren Stall. Alles wurde zügig mit Edelsteinen und seidigen Stoffen aus dem fernen China geschmückt, die die feuchten Augen der einfachen Leute noch mehr zum Leuchten brachten. Ein so feudales Festgelage, Stallwände mit bunten Tüchern behängt. Licht von hundert Fackeln durchdrang die transparenten Stöffchen der Tänzerinnen, indes Narren wie Barden mit Scherzen und Liedern munter unterhielten. Und inmitten aller Fröhlichkeit lagerte ihr erhabener König auf schlichtem Stroh und lächelte zufrieden. Ausschweifende Festlichkeit ermüdet hart arbeitende Landarbeiter, und als die ersten in tiefen Schlaf versanken, steckten sie rasch eins ums andere ihre edlen Gäste an. Berauscht von Alkohol und übermütigem Tanz, begannen sie immerzu ärger zu gähnen, und mit einem Mal waren auch die Wildesten in tiefste Träume versunken, leutselig in ihre mitgebrachten, dicken Decken gegen das pieksige Stroh eingehüllt. Oh, weh – sie alle verpassten den entscheidenden Augenblick.
Die Bauersleut zogen das Füllen in aller Stille aus dem Mutterbauch. Alsbald erblickte es das Licht der Welt, aber es war nicht schneeweiß, sondern verstörend fahlgelb, jedoch mit einem lang gewachsenen, samtweichen Fell wie eine Kaschmirziege. Lebhafte, dunkelbraune, kluge Augen, vielleicht für eine Katze passend? Die Stute zuckte irritiert zurück und musste von der Bäuerin überredet werden, das bizarre Fellknäuel anzunehmen, es zu lecken und zu umsorgen. Doch kaum fand es heraus, wofür die langen, dürren Stecken weiter unten zu gebrauchen waren, stürmte es nach draußen, der Morgensonne entgegen, und begann, seine Welt zu erkunden. Damit hatte die Bäuerin einen Namen für ihn gefunden: Fauvel sollte er heißen, gleich einer jungen, ungestümen Katze. Die Gäste, nun aus tiefem Schlaf gerissen, mit Kopfdröhnen, waren wie gebannt vom Anblick des Wildfangs … Runde um Runde im Außengehege drehend, geschwinder und eleganter in seinen Bewegungen werdend, als gelte es gleich im allerersten Moment alle Rekorde zu brechen. Als wäre ein uralter Geist erwacht. Sie schauten ihm fasziniert zu, indessen sie seine bizarre Färbung quittierten, die keinem zusagen wollte. Fauvel bemerkte ihre Blicke: wie sie einen Prinzen suchten und stattdessen einen Frevler fanden. Sie blieben blind! Derweil beschloss er dreist, seine Welt unabhängig von ihrem engstirnigen Dafürhalten zu definieren. In seinem Herzen entbrannte eine unstillbare Leidenschaft: zu beweisen, dass er mehr als nur ein simples Pferd ist. In diesem ersten lichten Moment beschloss er kühn, eines Tages ihr aller König zu werden. Fauvel betrachtete die Menschen mit seltener Weisheit. Er erkannte prächtige Gewänder, Glanz und Prunk, und begriff, wie vielschichtig alles Leben war.
Ergo will er keinesfalls als bloßes Tier in einem Stall am Ende der Zeit stehen müssen; nein, er möchte Anteil nehmen, die künftige Zeit mitgestalten. Er möchte am Tisch der Menschen sitzen, Kuchen essen und mitreden. Bücher lesen und Gedichte rezitieren. In seinen Gedanken stellt er sich vor, wie er aufrecht wie ein Mensch gehen wird, und mit seinen finger- und handlosen Armen die Körner im Eimer greifen kann, um die Gänse, Enten und Hühner zu füttern. Löwenzahn für die Hasen zu rupfen. Möhren für die Schleckermäuler auszugraben. Seine Träume sind ab dem allerersten Glitzern der Sonne auf seinem Fell vielbunt und werden täglich kraftvoller, ausschweifender, verwegener. Es gibt keine Grenzen für Fantasie. Er stellt sich vor, wie er in einem hohen Bett schläft, wie man es in Palästen kennt, nicht in Stallungen oder etwa auf Bauernhöfen. Er weiß genau, dass es ein Leben jenseits des Meeres gibt. In seinen Gedanken trägt er eine vornehme Krone, die zwischen seinen fahlgelben Ohren eingeklemmt ist, und er spricht mit der gebildeten Stimme eines vornehmen, gebildeten Herrn, als wäre er am französischen Hofe geboren.

Fauvel studiert die Menschen, ihre Etikette und ihre komplizierten Verhaltensmuster. Er weiß schon bald, wann ein Weibchen hofiert werden sollte und wann es klüger ist, sich etwas zurückzuziehen. Die hiesigen Küstenlande werden von regelmäßigen Überflutungen geplagt. Der Hof des Bauern leidet insbesondere unter unbändigen Wassermassen. Für Fauvel liefert dies den Anstoß, seine unerquickliche Situation resolut zu beenden. In aller Konsequenz. Indessen andere Hufträger geduldig im hohen Wasser stehen, darauf wartend, dass wer kommen möge, sie zu retten, ist Fauvel von der elendigen Nässe und dem Mangel an Respekt grundlegend frustriert. Die Leute bemerken gar nicht, dass er geschwinder läuft als alle anderen Tiere. Nur reiten lassen will er sich eben nicht. Also wird er ignoriert, ständig zur Seite geschoben wie ein lästiges Ding. Sie erkennen nicht, dass er unzählige Sprachen versteht und genauso klug ist wie sie – wollten es sicherlich nicht genauer wissen. Die Dorfbewohner sind ihrerseits von ihm schwer enttäuscht: Ein Pferd, das sich nicht für das Leben im Stall interessiert und stattdessen ihnen, den Menschen, hinterherspioniert? Sie reagieren jeden Tag verstörter auf sein Gebaren. Ihre Versuche, ihn zum Reitpferd auszubilden, gar vor einen Karren einzuspannen, scheitern kläglich, und bald geben sie auf. Selbst die Esel im Stall schütteln ihren Schädel, ob seines Starrsinns. Dann kommt die nächste Sturmflut, die Wellen brechen mit aller Heftigkeit über das ausgetrocknete Land. Währenddessen die Menschen emsig darum bemüht sind, ihre verängstigten Tiere zu bergen, verschwindet Fauvel, der Angst nur als plumpe Begrifflichkeit kennt, auf Nimmerwiedersehen! Genug von der Enge des Hofes, macht er sich auf den Weg, das Schloss des Königs zu suchen. Er schleicht sich an Bord eines Schiffs, das aber keinen Hafen ansteuert, sondern an der einsamen französischen Küste Anker setzt, also muss er mittig ins tiefe Wasser springen und mühsam Richtung Landzunge schwimmen. Am bequem auslaufenden Strand lungern die Seeleute herum, also steuert er die steinige Küste mit guten Verstecken an. Indessen er, seinen kräftigen Leib geschickt durch heftige Brandung laviert, zuletzt über rutschigen Untergrund schlitternd, bemerkt er ein lustiges Ding, und wie die Sonnenstrahlen hellauf auf ihm herumtanzen. Oha, das ist ganz seins! Das große Abenteuer, auch wenn es sich nur um fremdes Stückgut handeln mag. Etwas, das er noch niemals erkunden konnte? Aber jetzt ist es dafür soweit. Ein munteres Dingelchen, bei dem man sich ehrlich Mühe gab, es keinesfalls zu verlieren. Mit solch langer Lederschnur wurde es sicherlich am Hals getragen, und jetzt verfing es sich ebendarum im Unterholz. Wie praktisch. Am Meeresboden hätte er es niemals entdeckt. Gewölbtes Glas, laut Buchlehren, konkav oder konvex geschliffen? Hhm. Leider war keine Bezeichnung auf seinem Fundus zu entziffern. Ein Papierfetzen, Pferdeschulen gab es keine, aber Papierfetzen, die der Wind davontrug. Tja, eben als Anschürpapier gedacht. Stumpfsinnig in Fetzen zerrissen, ohne Sinn und Verstand. Gar aus einem alten Fachbuch, das keiner mehr brauchen mag, weil es schon alt ist. Im Stall hat niemand gefragt, er hätte sofort ja dazu gesagt: „Interessiert mich!“ Die Vorstellung ist für ihn grausig, Bücher zu zerstören, die andere noch lesen könnten … Fauvel schüttelt es innerlich. Seine persönliche Scherbe ist nach innen wie nach außen gewölbt. Durchsichtig. Ältere Leute – nur die Reichen – tragen solches oft am Halse oder in der Tasche steckend. Fauvel hat vielfach darüber gegrübelt, wofür das Glitzerding taugen könnte. Er nimmt es also an sich und stellt fest, dass er damit weit sehen und sogar Feuer machen kann, falls er es in die Sonnenstrahlen hält. Jedoch fehlen ihm die geschickten Hände mit Fingern der Menschen, es so wie sie richtig anzupacken. Ergo benötigt er einen geschickten Schmied, der ihm eine Halterung anfertigen kann, um es unter anderem auch an seinen langen Beinen stabil zu befestigen. Mit seinem trainierten Maul positioniert, könnte er mit etwas gezielter Übung und Zuhilfenahme eines Felsens oder Baumstamms die Umlande kundig absuchen? Wer weiß denn, was da draußen alles an Gefahren lauert? Und vorgewarnt zu sein, sich vielleicht sogar schon gut darauf vorbereiten zu können, hilft sicherlich weiter.

Auf seiner emsigen Fernsuchstudie, er weiß schließlich noch nicht, was es alles zu finden geben könnte, beobachtet er, wie in weiter Ferne ein offensichtlicher Meister seinen Lehrling schikaniert, vielmehr richtiggehend übelst misshandelt. Er schlägt den armen, jungen Mann ein ums andere Mal mit seinem Ledergürtel, und Fauvel läuft aufgeregt die Hügel hoch und runter, von rechts nach links wechselnd und wieder etwas zurück. Und gleitet aus und rutscht am Ende schmerzvoll, am blanken Hintern, mit zittrigen Knien einen Schotterhang hinunter, der schnellstmögliche Weg, nach dorthin zu gelangen. Dann sieht er, wie der aufgebrachte, wutschnaubende Mann stolpert, und schwupp, rutscht er ins offene Meer hinein und ist bereits tief in den Wellen versunken, als Fauvel noch überlegt, ob er ihn denn retten wollte. Nein, das will er nimmermehr, beschließt er streng. Das nennt sich Gerechtigkeit. Justitia mit ihrem blinden Verständnis für Maßhaltung. Endlich versteht er das Gleichnis. Die Zeit des Meisters ist augenscheinlich soeben abgelaufen. Eine neue bricht dafür an: „Die Menschen verachten den Gesellen unseres toten Herrn, weil sein Gesicht entstellt ist“, erzählt ihm der kluge alte Esel im Stall, ein neugieriger Beobachter. Als Fauvel das erfährt, ist er nochmals empörter, und rein zum Trost, küsst er den netten jungen Mann spontan. Worüber der sich so freut, dass er Fauvel jeden Wunsch erfüllen möchte. Oha, Fauvel hat sogar ein sehr konkretes Anliegen, weshalb er einen Schmied aufsuchen wollte. Bisher wusste er nur nicht, wie er es bezahlen könnte. Das ist mittlerweile aber hinfällig geworden, denn der alte, adipöse Schmied ist nicht mehr, und seine Werkstatt steht frei verfügbar. Selbst gearbeitet hat er ohnehin schon lange nicht mehr, so dick wie seine Finger und kurzen Arme aus der Ferne wirkten. Da könnte Fauvel genauso gut mit seinen Hufen probieren, eine Klinge zu schmieden. Einfach lachhaft! Wobei die sicherlich in schlanker und jünger auch länger gewirkt haben mögen? Finger, Hände wie Arme. Selbst die Beine. Die ihm heutzutage im Wasser nicht hilfreich waren. Tja, Pech gehabt. Fauvel erkennt das großzügige Geschenk Mutter Erdens und tauft zuallererst seinen bisher noch immer namenlosen Freund ›Ange‹, und hängt, wie beim eigenen Namen, ein kleines ›l‹ hinten an, zur Verniedlichung. Angel, ein Engel und er, der Ungezähmte? Ein gar prachtvolles Paar. Die Tiere am Hof erhalten allesamt schöne Namen und sie dürfen ordentlich futtern, wie es sich gehört. Fauvel lässt sich auf keine Diskussion ein; das ergraute Schwein versucht ihm verständlich zu machen, dass sie nichts mehr wert sind, nur die jungen Kühe als frisches Fleisch, da sie noch keine Milch geben. Sein eigenes Fleisch müsse man ewig am glühenden Herd kochen, möchte man sich nicht die Zähne ausbeißen. Das ist Fauvel einerlei, er mag ohnehin kein Fleisch essen, ob zäh oder weich gekocht. Ihm schwebt Kuchen vor, mit saftigen Äpfeln und Rosinen gebacken, und Angel ist bereit, sich gewiss auf jedwedes Abenteuer einzustimmen. Fauvel beschließt, dass es gut ist, wie es ist, und so fertigt Angel eilfertig eine Halterung für Fauvels geschliffenes Glas an, und ergänzend, brauchbare Werkzeuge für die Reise samt Tauschmaterialien. Da Angel nie Lohn erhalten hat, nur Prügel und zu wenig Essen, denn er sieht so verstörend aus, dass der Schmied ihn im Schweinestall verstecken musste, weshalb die Kühe keine Milch geben konnten. Wegen Angel? Bitte! Reine Lügenmär! Also packen sie ein, was immer sie brauchen können. Der Schmied war ein so gemeiner Mann, dass es keine Frau bei ihm aushalten konnte, demnach gibt es keine Kinder. Sie bestehlen niemanden, und der Esel, wie das Schwein, und die alte Kuh, und ihre beiden Mädchen, und genauso der alte Hahn, mit seinen drei Frauen, schließen sich leutselig an. Sie laden ihr Gepäck auf einen Wagen, ihn abwechselnd zu ziehen; Schweine, Kühe und Pferde, sie alle können reichlich schleppen, und selbst ein sturer alter Esel kann bisweilen etwas zupacken. Oh, ja, Fauvel überzeugt ihn. Und die Hennen sitzen die meiste Zeit obendrauf und schlafen tief und fest und werden beizeiten vom lauthalsen Krähen des munteren alten Hahns aufgeweckt, der nur noch jubilieren möchte. Er sollte genauso geschlachtet werden wie seine treuen Mädels. Er zeigt Fauvel noch rasch alle Verstecke am Hof und somit sind sie nun prachtvoll ausgerüstet, wenngleich der Esel schon nach drei Tagen den gesamten Vorrat an Mohrrüben ganz alleine verdrückt hat. Aber er musste, wie alle anderen, ewig darben, indessen sich der Schmied einen kugelrunden Bauch angefressen hat. Die Menschen betrachten sie fasziniert, verstehen sofort, dass keines dieser Tiere ein typischer Vertreter seiner Art ist. Sie alle zählen einer neuen Weltordnung zu, einer Welt, in der Tiere Rechte genießen, die denen der Menschen in nichts nachstehen. Betreten sie die Ansiedlungen, und Angel stellt seine Schmiedearbeiten vor, werden sie adäquat entlohnt. Niemand versucht, sie auszugrenzen, sieht sie gar als minderwertig an. Ihre Waren sind allererste Wahl. Angel wäre ein fantastischer Schmied geworden, hätte es sein Meister nur zugelassen. Aber er nutzte den Gesellen wie einen Leibeigenen aus, und heimste selbst sämtliche Lorbeeren ein. So läuft es aber nimmermehr, wenn ein fahlgelbes Pferd die Krone trägt. So reisen sie weiter und treffen schon bald auf die kluge Dame Fortune, eine gar zauberhafte Person, die über die Gabe verfügt, alles so erscheinen zu lassen, wie man es sich guten Herzens wünscht. Mit Fortunes Hilfe können sie weitere Gefährten in ihre größer werdende, muntere Familie einsortieren, und ihre Welt wächst beständig weiter und Fauvel steigt zum kühnen Herrscher einer großen, vielbunten Gemeinschaft auf, geprägt von Verständnisbereitschaft und Respekt. Indessen erklären sie Angel zu seinem Vogt. Und Fortune wird ihre Königin, angefühlt wie eine geduldige, gütige Mutter. Gemeinsam regieren sie eine große, weite Welt, von Gerechtigkeit und Freundschaft geprägt. Fauvel findet nicht nur Freiheit, sondern die Möglichkeit der fließenden Veränderung. Am großen Rad der Zeit behände, selbst mit klobigen Hufen, mitzudrehen. Er beweist ihnen allen, dass wahre Stärke im Herzen wie im Geiste ruht, und dass auch der schlichteste Verstand bärenstark sein kann. Dass jeder mit Hufen in der Welt ankommt und alle herausfinden können, wie man in der Abendsonne tanzt. So leben sie glücklich und zufrieden bis in die jüngste Gegenwart hinein, die sie behutsam vielbunt färben. Indessen verblassen die Wellen der Vergangenheit hinter ihnen Stück für Stück.





