

Bitte draufklicken … 🌈🍃💧🌻🐾👣🕊🌍👀📌🛒🐍🧙♂️🙃⁉

»Falkengau-Thal«
29252Asgijahr|Thal bei Gummersbach, zweite Februarhälfte 1976.
„Das ist das Bizarrste, das ich mir jemals vorzustellen, gönnen wollte. Glaube mir das bitte, ich verfüge für gewöhnlich über reiflich Fantasie. Und gelte als anpassungsbereit.“ Äußert der junge Mann neben dem baumhohen Schwarzbären. In ihrer blühenden Streublumenwiese sitzend, mit dem Rücken zum Menschendorf, das sie umgibt. »Gebäude oder Garten?«, klanglos, nonverbal, die nüchterne Gegenfrage. „Keine Ahnung? Menno, einfach beides.“ Im Menschenland ist es bitterkalt. Mit Raureif am Morgen und flauschigen Dunstschwaden von jeglicher Wärmequelle ausgelöst, die sich zufällig ergibt. Ein simpler Sonnenstrahl oder ein Hundebesitzer mit kläffendem Wuffi an der Leine, der einem Feldhasen nachjagen möchte? Ihr eigenes Areal übermittelt hingegen angenehme zwanzig Grad, weshalb Lobo nur ein einfaches Shirt trägt. Wie Baumert. Und was betrachten sie? Einen majestätischen Palastbau, kostümiert, wie eine typische mittelhohe altägyptische Pyramide. Der primär monströs, wie er dasteht, jegliche Harmonie erschlägt. Und reine Farce ist, laut Gesichtsausdruck: »Nein! Das ist Murks!« Es klingt nicht belustigt, worauf Baumert insgeheim gehofft hat? Aber dem jungen Mann ist nicht nach Lachen zumute. Schon verständlich, bei allem, was passiert? Und jetzt muss er das hier ertragen? Zwei Gärten direkt nebeneinanderliegend, jedoch entwicklungstechnisch gute drei Monate voneinander entfernt? Optisch, aneinandergeschmiegt, kann es leicht passieren, dass die Grenzlinie geringfügig verrutscht. Wie? Oh, das widert Lobo ehrlich an. Dorfbewohner erwischen dann eine ihrer Blüten und rätseln stundenlang, wie sie bereits so weit entwickelt sein kann? Baumert reicht ihm aus der hohlen Hand ein Schälchen mit Löffel. „Woher hast du das jetzt wieder gezaubert? Seit wir zurück sind, willst du es mir aber pausenlos beweisen?“ Lobo grinst versöhnlich. Wo es hier noch vor drei Tagen nichts zu essen gab? In einem betitelten Gasthof? Mit reichlich Anwohnerschaft? Es war jedenfalls für einen geöffneten Betrieb eher doch ungewöhnlich. Murphys ›Herberge‹, wie Baumert den ›Koloss von Thal‹ nennt, um anderes beschwingt unter den Teppich zu kehren, beherbergt ehemalige ›Streunerbuben‹. Sprachlich angelehnt an die menschliche Jugendherberge, wo Gowinnyjen eh allesamt wie Jugendliche aussehen? Ergo, auch keine mangelnde Heimat gemeint, sondern bezogen auf das allseits verbreitete gowinnysche Herumstromern, weil man sich nirgendwo willkommen genug wähnt, es drauf ankommen lassen zu wollen. Eine Rastlosigkeit – angefühlt wie lästiges Ungeziefer im Unterholz – befällt die Westvesten seit einiger Zeit, die allesamt inmitten der Menschenhochburgen stehen. Eine verstörende Welle, die sich über das alte Europa ausschüttet und es innerlich aufzufressen droht? Betroffene Städte sind derweil emsig mit dem Aufschwung beschäftigt, finden keine Zeit, etwas Wunderliches wahrzunehmen. Derweil demontiert sich der demokratische Grundgedanke und erschlägt darin verankerte Gerechtigkeit. Mitgefühl wird zunehmend irrelevanter. Murphy fängt gleich in der ersten gemeinsamen Woche mit Baumert an, im großen Stil unter den gowinnyschen Herumtreibern aufzuräumen. Jene nach Hause zu beordern, die aus seiner Sicht nach dorthin gehören, weil sie schmerzlich vermisst werden und andere derweise am künftigen Falkengau-Thal anzubinden. Als würden sie ab da von einem Rudel junger Wölfe verfolgt? Oh nein, viel eher, als würden verspielte Welpen um sie herumspringen und zum Gunstbeweis fleißig Stöckchen tragen? Ja, Hoffnung keimt wieder auf. Und dann entscheidet Murphy kurzerhand, im winzigsten Dörfchen, das sich auf die Schnelle finden lässt, Thal bei Gummersbach, seinen Palast einzufügen. Für den es schon ganz konkrete Baupläne gibt. Als habe er die bereits seit Jahrzehnten für diesen Moment ausgearbeitet? Lobo mischt sich in Baumerts Gedankenwelt, „du hast euch anfangs beschrieben, dass ich das Bild eines Wanderzirkus nicht mehr loswerde? Jongleure, die ihre Hände nicht ruhig halten können, immerzu etwas trainieren müssen? Mit Bällen? Tannenzapfen? Feuerholz? Fingerübungen mit Münzen und Messern, wie es auch bei LET-Anhängern weitverbreitet ist? Ihr müsstet euch eng verbunden fühlen?“ Er wackelt provozierend mit den Zehen, will nicht nur bloßen Wildwuchs, sondern Fakten erkennen; wo der Fuchs friedlich neben dem Dachs wohnt? Wo die Eule einzieht und welchen Abstand sie zum Specht hält? Dann die schüchterne Anfrage der Biber: „Sind auch wir willkommen?“
Der Koloss von Thal? Für Lobos Augen wirkt er, als würde er kilometerweit in den Himmel hinauf ragen, was nicht ist, denn dann müsste er wenigstens doch einen Kilometer in der Breite nach rechts und links ausufern, was er nicht tut. Deshalb ist es Murks. Es gaukelt nur vor, projiziert Fantasiegestalten, ist nichts davon, nur Prahlerei! Wobei er dem Bijix niemals solche harten Worte an den Schädel werfen wollte. Nein, deshalb wirkt er unzufrieden. Sein Krankenzimmer lag so, dass er den Dorfanger einsehen konnte. Und dann dibbelte dort ein vielleicht siebenjähriges Mädchen auf ihren kleinen, munteren Füßen, solange sie sich unter den alten Bäumen unterhielt und Lobo zeigten sich verschiedene Perspektiven auf ihre Innenansicht! Freigelegte Lungenflügel? Ihm wird bei dieser Erinnerung noch immer übel. Ihr Herz? Wie es fleißig pumpt? Und ihn damit Stück um Stück wieder beruhigt bekommt – es ist offensichtlich pumperlgsund. Jetzt muss er fast darüber lächeln. Die Menschenwelt umgibt sie nicht nur, sie stecken mittig drin fest. Aber das Absurdeste ist, dass sie dennoch eine andere Jahreszeit genießen können? Und niemals bemerkt werden? Und dazu der Umstand, dass sie in dieses Dorf größentechnisch gar nicht reinpassen! Die Bodenfläche des Dorfs dürfte nur gut zehn Prozent ihrer eigenen Bodennutzungsfläche umfassen? Wie geht das? Mathematische Logik? Die kann doch keiner einfach so verknoten? Doch, anscheinend schon. Genauso, wie man Fenster optisch verschwinden lassen kann, denn hier ist nichts erkennbar, als alter, Krisen-geschüttelter Stein, wenigstens zehntausend Jahre marodiert. Risse ohne Ende, tiefe Furchen, in denen ganze Armeen von Krabbelviechern Unterschlupf finden sollten? Schon darum ist es so absurd, seine nackten Zehenspitzen gegen dieses alte Höllengestell strecken zu wollen? Autsch! Dann diese Perspektiven-Pfuscherei? Von wegen kilometerweit in den Himmel ragen? Rechts und links? Das sind maximal dreihundert Meter? Oder nochmals weniger? Nur zweihundertsiebzig? Nein, weniger, nur knappe einhundertzwanzig? Der blanke Witz? Ein Kasperletheater und sogleich kommt der erboste Polizist herbeigeeilt? Aber der kommt hier niemals an, wenigstens nicht im inneren Kern. Und warum wirkt diese Treppe nach oben so mächtig? Sie suggeriert ihm, eine komplette Armee könne da blitzartig hochstürmen und verschwinden? Das Eingangsportal liegt weit oberhalb. Die Treppe, mit tiefen, flachen Stufen und flackernden seitlichen Feuern, um die Schlangen herumzüngeln, müsste mindestens dreihundert Meter in die Tiefe reichen, derartig hoch aufsteigen zu können? Aber so weit sitzen sie vom Gebäudekomplex gar nicht entfernt? Das Portal, ja, das liegt gut im fünften oder sechsten Stockwerk. Die hohe Zarge der Pforte dürfte wiederum den zehnten Stock berühren? Er kennt es von innen, ist bis hinauf in die allerhöchste Etage gestiegen und hat von jeder Einzelnen den sensationellen Blick auf die Welt genossen. Oha, es fühlte sich fantastisch an, als wäre er im Inneren eines himmlischen Turms bis hinauf zum allerhöchsten Dach der Welt geklettert? Frau Holle über den Wolken zu besuchen? Unzählige tausend Meter in die Höhe Treppenstufen erklimmen? Sollte muskulär heftige Reaktionen auslösen? Mal ganz abgesehen von der Zeit, die es benötigen würde? Grotesk, solche Fantasieburg in ein Winzigdorf einzufügen? Aber ja, Murphy liebt wie Emma und er bunte Comics. Von Micky Maus-Heftchen über Superman, Tim & Struppi, Spirou & Fantasio zu Asterix & Obelix – daher muss es rühren? Er schmunzelt bei der Erinnerung an sein allererstes Aufklärungsgespräch mit ihm. „Warum heißt dein Gasthof eigentlich ›Oberbergischer Falkengau-Thal‹? Logisch betrachtet, müsste er doch korrekt ›Oberbergisches Falkengau-Thal‹ heißen?“ Riesenaugen gucken zurück, „ein Gott ist für dich ein »Es«? Für mich ist er ein »Er«.“ Lobo überrascht, „ein Gott? Ich dachte, dieser Winzlings-Ort heißt Thal? Und das hier ist eine richtige Speisewirtschaft? Halt vom Baustil etwas Ägyptisch animiert? Damit würde sich normal der Name von Tal ableiten? Ergo Senke? Und ein Tal ist sächlich, also ein »Es«, die Senke wäre eine »Sie«, wenn du so willst und ›Falkengau‹ als Begrifflichkeit ist für mein Verständnis ebenfalls ein »Es«? Wobei man dazu vielleicht auch »Er« sagen könnte? Oder ist das hier am Ende gar kein Gasthaus? Weil ihr bietet doch Essen für Gäste? Das tut ein Speiselokal?“ Nicht jetzt, dass dieser Dialog am Ende Sinn ergeben hätte. Nur, dass Lobo seit diesem Gespräch, dem Bijix, seinem Lebensretter, genauso verfallen ist wie der Rest der Belegschaft. Murphys Charme entzieht sich keiner und Logik hilft am allerwenigsten weiter. Ob Lobo mit dem Lokal-Anspruch etwas erreichen konnte? Nö, nada. Dafür ist ein Ausflug an die Küste erforderlich und eine Rüge vom Holsteiner. Vor dem möchte nicht einmal Micky Maus dumm dastehen. ›Streunerasyl‹, so klassifiziert Murphy seine Nobelherberge, die verdächtiger Weise nicht einmal drei Monate Bauzeit beansprucht haben soll? Oh, wie Lobo sich da zusammenreißen muss, nicht sofort wieder Nonsens-Fragen zu stellen, wo er doch um wichtige gebeten wurde? Selbige Räuberhöhle ist jedenfalls seit gut vierzehn Jahren mit Schwarzbären und Bloonies angefüllt, die sich ab der ersten Sekunde als Familie definieren.














